Editorial Das neue Magazin!

Das neue Magazin!

Giuseppe Di Grazia (Crime-Redaktionsleiter)

Die Lebensgeschichte eines Menschen ist mehr als nur eine Erzählung. Sie ist Teil seiner Identität. Sie hilft ihm, sich selbst zu verstehen. Es geht um existenzielle Fragen wie diese: Wer bin ich? Oder auch: Warum musste ich ohne meine Mutter aufwachsen? Fand sie, dass ein Leben ohne mich besser ist?

Eine Kindheit lang begleiteten genau diese beiden Fragen den Mann, den Matthias Bolsinger getroffen hat. Mohamed Sfaxi wirkte auf unseren Autor wie ein Mensch mit einem lebensfrohen Naturell, doch im Laufe des Gesprächs trat immer stärker eine Traurigkeit hervor, die Sfaxis heiteres Wesen komplett zu überlagern schien. Sie galt nicht nur dem Schicksal seiner Mutter. Sie galt auch der Lücke in Sfaxis eigener Lebensgeschichte. Er hatte jahrzehntelang schmerzlich versucht, sie mit Erklärungen zu füllen, seit seine Mutter eines Nachts gegangen und nie wiedergekehrt war.

Auch die Ermittler, das war zu spüren, hat dieser ungeklärte Mordfall sehr berührt. Aufgrund der Brutalität der Tat und weil sie wissen, dass ein gefährlicher Mensch auf freiem Fuß ist. Aber auch, weil sie sich in der Pflicht fühlen, Antworten für den Sohn zu finden. Denn Mohamed Sfaxi weiß heute zwar, dass seine Mutter ihn nie im Stich lassen wollte, aber er weiß nicht, warum sie nie zu ihm zurückkehren durfte. Heute sind seine existenziellen Fragen: Weshalb musste sie sterben? Und wer hat das entschieden?

So klafft noch immer dieses quälende „Loch in seiner Biografie“, wie es unser Autor nennt. Davon und auch von einem äußerst mysteriösen Mordfall handelt der Text, den Sie auf Seite 80 lesen. Für unseren Autor war es eine seiner intensivsten Recherchen, auch weil Sfaxi sehr offen mit ihm sprach. „Jeder Mensch wacht am Morgen auf und weiß, das bin ich und das ist meine Geschichte“, sagt Bolsinger. „Aber Mohamed Sfaxi hat weiterhin eine große Leerstelle.“