Editorial Nicht jeder Mord...
... ist so eindeutig, wie er zunächst scheint. Das gilt auch im Fall Nagyrév. In dem ungarischen Dorf, in dem Zsuzsanna Fazekas als Hebamme arbeitete, starben über Jahre hinweg Männer – Ehemänner, Väter, Freunde. Sie starben leise, oft im eigenen Bett, vergiftet mit Arsen. Hinter den Taten standen Frauen. Frauen, die zuvor geschlagen, gedemütigt, gegen ihren Willen verheiratet worden waren. Diese Geschichte irritiert, weil sie zwei Bilder zugleich erzeugt: das der heimtückischen Mörderin – und das der verzweifelten Überlebenden.
Zsuzsanna Fazekas soll den Frauen das Gift besorgt oder ihnen gezeigt haben, wie man es gewinnt. Der Mord geschah nicht im Affekt, sondern planvoll, im vertrauten Umfeld des gemeinsamen Haushalts. Juristisch wäre das ein klassischer Fall von Heimtücke – eines der Mordmerkmale im deutschen Strafrecht. Moralisch ist die Sache komplizierter. Die Frauen hatten wenig Macht – außer der, die sich im Verborgenen ausüben ließ. Dieser Fall ist vielleicht nicht exemplarisch für weibliche Kriminalität insgesamt. Aber für ein Muster, das Kriminalgeschichten immer wieder zeigen: Gewalt entsteht selten im luftleeren Raum. Manche Täterinnen haben Biografien, die von Abhängigkeit und Ausweglosigkeit erzählen.
Gerade deshalb entzündet sich an Verbrechen wie diesem eine juristische Debatte. Kritiker argumentieren, dass das Mordmerkmal der Heimtücke strukturell Frauen benachteiligen könne. Wer körperlich unterlegen ist, kann kaum offen töten. Wer sich wehrt, tut es oft listig – mit Gift, mit Planung, im Moment der Ahnungslosigkeit des Opfers. Das macht die Tat nicht harmloser. Aber es zwingt dazu, genauer hinzusehen. Der Fall Nagyrév erinnert daran, dass hinter manchen Verbrechen nicht nur Bosheit steht, sondern eine lange Geschichte von Macht – und Ohnmacht.