Editorial der webseite STERN CRIME - Magazin für wahre Verbrechen & echte Krimis - [STERN CRIME]

Editorial Eine der Wahrheiten...

Chefredakteur

... kriminalistischer Arbeit liegt darin: Wer einem Täter etwas entlocken will, muss ihm zunächst das Gefühl geben, sicher zu sein. Nähe herstellen, ohne sich gemein zu machen. Vertrauen erzeugen, ohne den eigenen moralischen Kompass zu vernachlässigen. Die Ermittlerin Kim Mager beschreibt es in unserer Titelgeschichte beinahe beiläufig: Ein gefesselter Mensch redet nicht. Ein befreiter eher schon.
Sie sitzt einem Mann gegenüber, der Frauen entführt, vergewaltigt und getötet hat. Sie weiß das noch nicht vollständig, aber sie spürt es. Und trotzdem bietet sie ihm Kaffee an. Fragt nach Gott. Hört zu. Nicht, weil sie ihn mag. Sondern weil sie verstehen muss. Auch Journalistinnen und Journalisten kennen dieses Spannungsfeld. Wer mit Menschen spricht, die unter Verdacht stehen, wer Mörder oder andere Gewalttäter interviewt, Betrüger oder Extremisten, bewegt sich ständig auf einer schmalen Linie. Man hört zu, ohne zu verharmlosen. Man versucht zu verstehen, ohne zu entschuldigen. Und manchmal ertappt man sich dabei, wie man für einen kurzen Moment vergisst, was das Gegenüber getan hat — weil man konzentriert ist auf den nächsten Satz, die nächste Erinnerung, den einen finalen Hinweis.
Das kann irritieren. Für Außenstehende wirkt Nähe schnell wie Nachsicht. Doch das Gegenteil ist oft wahr. Wenn wir in dieser Ausgabe die Geschichte eines Serienmörders erzählen, erzählen wir vor allem die Geschichte einer Frau, die begreift, dass Aufklärung nicht bedeutet, möglichst laut zu sein. Sondern geduldig. Wach. Risikobereit, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Distanz entsteht nicht durch Härte, sondern durch Klarheit. Durch die Fähigkeit, sich emotional nicht vereinnahmen zu lassen. Wer vorschnell urteilt, erfährt meist nur das Offensichtliche. Wer dagegen zuhört, erfährt manchmal das Entscheidende.