Editorial Das neue Magazin!

Christian Krug (Crime-Herausgeber) und Giuseppe Di Grazia (Crime-Redaktionsleiter)

Christian Krug (Crime-Herausgeber) und Giuseppe Di Grazia (Crime-Redaktionsleiter)

LE LÄNGER...

… ein Mordfall ungelöst bleibt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter doch noch gefasst wird. Zeugen sterben, Erinnerungen verwaschen, Beweismittel verschwinden oder werden vernichtet, das Interesse der Staatsanwälte erlischt. Manchmal aber passiert das Unglaubliche, und nach Jahrzehnten stellt jemand Fragen, die lange niemand zu stellen wagte, setzt Puzzleteile zusammen, die all die Zeit nicht zusammenzupassen schienen.
Als unser Kollege Nicolas Büchse las, dass es einem Staatsanwalt in Texas gelungen war, einen Mörder 58 Jahre nach der Tat vor Gericht zu bringen, wurde er neugierig und las die Protokolle durch. Ihn beeindruckten die akribischen Ausführungen des Anklagevertreters Michael Garza zum Mord an der (mit ihm nicht verwandten) Lehrerin Irene Garza so sehr, dass er um ein Gespräch bat. Als er Garza in dessen Büro gegenübersaß, interessierte ihn vor allem die Frage: Was hatte er gesehen, was alle anderen übersehen hatten? Garza sprach viel und zeigte immer wieder auf eine Tafel, auf der er die Verästelungen der Ermittlungen aufgezeichnet hatte. Der Staatsanwalt sagte, dass dies sein erster Fall war, dass er sogar googeln musste: „Wie löse ich einen Cold Case?“ Es war nicht die Expertise, die zum Erfolg führte, sondern ein unverstellter Blick.
Garza erzählte auch von der Cousine des Opfers, der es zu verdanken war, dass der Fall überhaupt bei ihm landete. Büchse suchte ­daraufhin Noemi Sigler auf. Lange saß er mit ihr über Dutzenden Aktenordnern mit Polizeiberichten und Zeugenaussagen, die sie zusammengetragen hatte. Der Name des Täters taucht auffällig oft auf in diesen Dokumenten, er musste den Fahndern damals schon aufgefallen sein. Doch es brauchte die Hartnäckigkeit der Cousine und den Eifer eines Staatsanwalts, um diesen Fall nach 58 Jahren endlich zu lösen. Der bewegendste Moment für Büchse war, als Noemi Sigler erzählte, wie viel Trost Gerechtigkeit spenden kann.