Editorial Das neue Magazin!

Das neue Magazin!

Giuseppe Di Grazia (Crime-Redaktionsleiter)

 

Erzählen ...

… kann man von einem Verbrechen auf viele Arten. Man kann den Blick besonders stark auf die Gesellschaft und die Zeit richten, in der es geschehen ist. Oder stärker auf die Opfer. Oder auf Täter und Täterinnen. Aber immer ist der Blick auch subjektiv, geprägt von der Perspektive der Autorinnen und Autoren und ihrer Haltung zu dem, was geschehen ist. 
Manchmal sind jene, die eine Geschichte erzählen, sogar Teil von ihr. In dieser Ausgabe schildert der Kommissar Benedikt Mühlrath seine Ermittlung in einem außergewöhnlichen Einbruchsfall und beschreibt unser Kollege Andreas Albes, wie ihn seine Brieffreundschaft zu einem wegen Kindsmordes Verurteilten an sich selbst zweifeln ließ. Beide erzählen von persönlichen Erlebnissen. 
Auch Elizabeth Bruenig gibt in ihrem Artikel über die Vergewaltigung einer 16-Jährigen in Bruenigs texanischer Heimatstadt Persönliches preis. Die Autorin hat sich aber nicht nur entschlossen, ihre eigene Rolle bei dem Geschehenen zu thematisieren. Sie hat auch ganz bewusst eine neue Rolle eingenommen. 
Als junge Schülerin war sie eine von vielen, die ratlos waren angesichts der Gerüchte, der Vorbehalte und Gehässigkeiten gegenüber dem Opfer, dem kaum jemand glauben wollte. Nun, als Journalistin, wollte Bruenig der Frau verspätet zu Gerechtigkeit verhelfen. Sie wollte den Menschen, die damals als Haupt- und Nebenakteure, aber auch als unbeteiligt am Rande Stehende an der Tragödie mitwirkten, die Wahrheit vor Augen führen.
Dank Bruenigs Akribie ist ein eindringliches Stück entstanden, das zwar in der texanischen Provinz spielt, aber Menschen überall nachdenklich stimmen dürfte. Was die hochprominenten Fälle, die zur #MeToo-Debatte führten, zeigen, offenbart auch diese Geschichte von einem Allerweltsort: Zu einem Verbrechen gehören nicht nur die Täter,sondern alle, die Strukturen mittragen, die ihnen ihre Taten erleichtern.