Editorial Das neue Magazin!

Das neue Magazin!

Giuseppe Di Grazia (Crime-Redaktionsleiter)

Die dunkle Seite …

… von Frauen wird unterschätzt. Es stimmt, sie morden viel seltener als Männer, aber häufiger, als wir denken. Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wissen wir in Deutschland von über 300 geklärten Mordserien mit drei oder mehr Opfern. Nur 38 davon wurden von Frauen begangen. Allerdings glaubt der Kommissar Stephan Harbort, der zu diesem Thema forscht und Bücher geschrieben hat, dass es weitaus mehr Wiederholungstäterinnen gibt – die Dunkelziffer sei besonders hoch, weil wir Frauen solche Taten nicht zutrauten, schon gar nicht in Serie.
Während Männer eher erwürgen, erschlagen, erstechen oder erschießen, neigen Frauen weniger dazu, ihre Opfer zu foltern oder zu verstümmeln. Sie greifen am liebsten zu Gift, was dazu führt, dass ihre Taten oft lange unbemerkt bleiben.
Weitere wesentliche Unterschiede laut Harbort: Männer bringen überwiegend ihnen fremde Menschen um; weibliche Serientäter hingegen Kinder sowie Frauen und Männer, die sie kannten, für die sie sorgen sollten. Männer morden größtenteils, um ihre Opfer auf unterschiedlichste Weise zu beherrschen und zu vernichten; Frauen töten, um sich nicht beherrschen und vernichten zu lassen.  
Aileen Wuornos, deren Geschichte wir in dieser Ausgabe erzählen, arbeitete in Florida als Prostituierte und tötete mindestens sechs Männer, die womöglich ihre Kunden waren. Warum sie es tat, ist unklar. Aus Notwehr? Habgier, Abscheu, Wut oder Rache? Als Mädchen missbraucht und geschlagen, als Frau gedemütigt und erniedrigt. Aileen Wuornos hat viele Prügel einstecken und viele Übergriffe durch Männer ertragen müssen. In dieser Hinsicht, so zeigen verschiedene Studien, ähnelt sie etlichen weiblichen Serientätern. Ihre Morde, so glauben sie, sollen die erlittenen Ungerechtigkeiten tilgen. Was Aileen Wuornos allerdings von vielen anderen Frauen unterscheidet: Gemordet hat sie wie ein Mann.