Editorial Das neue Magazin!

Das neue Magazin!

Giuseppe Di Grazia (Crime-Redaktionsleiter)

Sehnsüchte ...

… sind das, was einen Menschen ausmacht. Sie treiben ihn an. Sie lassen ihn aber zugleich verletzlich werden. Darum nennen wir sie manchmal auch Schwächen. Und einige Sehnsüchte empfinden Menschen so sehr als Schwäche, dass sie nicht wahrhaben wollen, dass es sie gibt. 
  In dieser Ausgabe schildert ein Mann eine lange zurückliegende Begegnung mit einem anderen, die er nie vergessen hat. Das Verfassen des Textes verlangte ihm einen gewissen Mut ab. Denn unser Autor war damals Soldat bei den US-Marines, einer Gemeinschaft, die sich über heterosexuelle Männlichkeit und Stärke definiert – und in der Zuneigung zu einem anderen Mann nicht nur als Schwäche, sondern als Tabu gilt. Unser Autor schildert, wie fasziniert er von dem Fremden am Strand war und wie sehr ihn diese Faszination irritierte und verunsicherte. Wie offen dieser zum Kämpfen ausgebildete Mann davon erzählt, hat etwas sehr Berührendes.
  Gerade Sehnsüchte, Schwächen und Unsicherheiten machen Menschen für uns fassbar und lassen uns mit ihnen fühlen. Das gilt nicht nur für die Opfer. Selbst wenn Täter dadurch nicht sympathischer werden, hilft es uns dennoch, sie besser zu verstehen, wenn wir von ihren Schwächen und Sehnsüchten wissen. Und ist es nicht das, was das Verbrechen so faszinierend für uns macht und weshalb wir aus Kriminalfällen so viel über Menschen lernen können? Weil jedes Verbrechen auf dem Aufeinandertreffen des pervertierten Verlangens eines Täters mit den Schwächen und Sehnsüchten eines Opfers beruht? 
Zumindest für die Geschichte unseres Autors trifft das zu. Die Begegnung, die er auf Seite 36 schildert, war die mit einem Mann, der sein eigenes Verlangen als Jäger auslebte. Und wie jeder Jäger fand er seine Opfer, indem er ihre Schwächen nutzte. Der Fremde, dem unser Autor als junger Marine in ein Hotelzimmer folgte, gilt als einer der gefährlichsten und brutalsten Serienkiller der amerikanischen Geschichte.