Editorial Das neue Magazin!

Das neue Magazin!

Giuseppe Di Grazia (Crime-Redaktionsleiter)

Mörder zerstören ...

... nicht nur die Familien der Menschen, die sie getötet haben, sie machen auch ihre eigenen Angehörigen zu Opfern. Es sind Opfer, die nicht auf Mitgefühl hoffen dürfen, Opfer, von deren Leid kaum einer hören will. Sie werden oft ausgegrenzt, am Arbeitsplatz, in ihrem Wohnort, vom Freundeskreis. Sie müssen sühnen, ohne sich schuldig gemacht zu haben. Viele von ihnen haben daraufhin mit unvereinbaren Gefühlen zu kämpfen: Sie schämen sich, sie sind wütend, sind verzweifelt, aber sie sehnen sich zugleich nach dem Menschen, den sie etwa als fürsorglichen Vater kannten oder als liebevollen Ehemann. Schlagartig sind sie mit jahrelangen Lügen konfrontiert, die ihr Leben für immer erschüttern. Sie quälen sich mit Fragen; es sind Fragen, auf die sie selten Antworten finden. Wie konnte ich mich so täuschen? Bin ich mitschuldig? Hätte
ich die Tat verhindern können? Kann ich das Unverzeihliche
verzeihen? Soll ich Kontakt halten? Einen Mörder unterstützen? Einen Mörder weiter lieben? Kann ich das? Darf ich das? 

Kerri Rawson ist die Tochter von Dennis Rader, einem der berüchtigtsten Serientäter der USA. Sie hat öffentlich über „meinen Vater, den Killer“ gesprochen, davon handelt eine Geschichte dieser Ausgabe; sie hat sogar ein Buch geschrieben. Über ihr jahrelanges Trauma zu berichten, sagt Kerri Rawson, sei für sie wie eine Befreiung. 

Hinterbliebene der Opfer reagierten verständnislos. So etwas bringe Rader wieder die Aufmerksamkeit, nach der sich dieser
Narzisst so sehr sehne, sagt der Sohn einer der getöteten Frauen. Kerri Rawson hat solche Vorwürfe befürchtet. „Ich habe es aber nicht für ihn getan, sondern für mich“, wehrt sie sich. 

Kerri Rawson hat oft an die Marter der Opfer ihres Vaters
gedacht, an den Kummer der Angehörigen. Am Ende hat sie für sich etwas in Anspruch genommen, was das Recht jeder Familie sein sollte: die eigene Geschichte zu erzählen.