Editorial Das neue Magazin!

Christian Krug (Crime-Herausgeber) und Giuseppe Di Grazia (Crime-Redaktionsleiter)

Christian Krug (Crime-Herausgeber) und Giuseppe Di Grazia (Crime-Redaktionsleiter)

EIN VERBRECHEN …

… zu überleben scheint wie ein Glücksfall. Aber es bringt oft auch enormes Leid mit sich. Die Erinnerung, die Erschütterung, Zweifel, Unsicherheit, Angst. Es ist immer berührend und oft sehr lehrreich, mit Überlebenden zu sprechen. Die Fragen, mit denen sie konfrontiert sind und mit denen sie uns konfrontieren, sind vielfältig.
In dieser Ausgabe finden Sie dazu gleich mehrere Geschichten. Da bringt eine junge Frau die Kraft auf, doch noch von selbst zu gehen, kurz bevor alles vorbei ist. Aber wie verarbeitet sie, was ihr widerfuhr? Und wie lernt sie – für sich und ihre Kinder –, nicht wieder und wieder in dieselbe Lage zu geraten? Eine andere wird in ein Gefängnis hineingeboren und wächst als Sklavin auf. Wie schafft sie es, sich nach ihrer Befreiung in einer Welt zurechtzufinden, die für uns normal, aber für sie so fremd ist, dass sie nicht mal weiß, wie eine Ampel funktioniert? Ein Polizist überlebt einen Amoklauf, aber es ist ihm nicht gelungen, auch nur ein einziges anderes Leben zu retten. Ist er ein Mitschuldiger? Wie hält er die gnadenlosen Vorwürfe aus? Und wie vereinbart er das Scheitern mit seinem Selbstbild? 
Nicht jeder hat für sich Antworten auf seine Fragen gefunden. Die Fragen stehen auch nicht in jeder Geschichte im Vordergrund. Aber in jeder zeigt sich: Es ist kein Glück, ein Verbrechen zu überleben, Glück ist nur, gar nicht erst Opfer zu werden. 
Die Autorin unserer Titelgeschichte, Vanessa Veselka, stieg in den Achtzigern als junge Ausreißerin in den Truck eines Mannes, der später rechts ranfuhr, ein Messer zückte, sie auf den Rücksitz zwang – und dann doch noch laufen ließ. Jahrelang sprach Veselka nicht über den Vorfall. Mehr als drei Jahrzehnte später machte sie sich auf die Spurensuche, von der sie in diesem Heft erzählt. Es ist auch die Geschichte eines Mannes, dem zu begegnen für niemanden ein Glück war. Auch nicht für diejenigen, die es überlebt haben.